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Ghwen - Beniamino De Caro

Das Volk der Drachenreiter

Aus der Sicht von zhongwen und ghovany

Manuskript 1. Fassung

1. Kapitel - Erinnerungen



Zwei Horden
Dies ist das zweite von drei Zeitaltern, die wir uns für die Erreichung vorbestimmter Ziele gewählt haben, Ziele, die wir von Beginn an festlegten, ohne sie zu kennen, Ziele, die wir über eine lange Zeit - und nicht einmal was Zeit war, wussten wir wirklich - in uns und unserer Welt reifen lassen wollten. Dies war das zweite von drei Zeitaltern, deren erstes bereits in Vergessenheit geraten war, und das dritte sollte noch lange auf sich warten lassen.

Damals flogen wir mit unseren Drachen über die Länder der Erde - in Horden zusammen  gekommen, die Clans bildeten und sich durch Gleichartigkeit in Charakter und Mentalität auszeichneten. Meine Horde war weiblicher Natur, wilde Frauen, viele den Tieren ähnlicher als den Menschen, und doch alle von großer innerer Kraft und Souveränität, Kriegerinnen, die mit dem Schwert ebenso gut umgehen konnten wie mit der Aufzucht, der Lenkung und der Heilung von Drachen.

In diesem Volk gab es nur wenige männliche Wesen. Diese wurden in einer notwendigen Mindestzahl geboren, um als Väter der kommenden Reiterinnen zu dienen - dienen mussten. Sie waren niederes Volk, geringschätzig als ein untergeordnetes Geschlecht wahrgenommen und behandelt.

Mein Drache war weiblich und ich war jene, die diese Horde führte. Ich war Anführerin, Hohepriesterin, Oberste des Clans.

Meine Horde zeichnete sich durch eine unübertroffene Widerstandsfähigkeit und Kampfkraft aus und in gewisser Weise auch, soweit wir dies für damalige Verhältnisse überhaupt als ein Charakteristikum anführen konnten, durch einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit und Ordnung, in Ansätzen sogar Mitgefühl - Kräfte, die in dieser Zeit allerdings noch rudimentäre Grundzüge hatten, Wurzelkräfte für etwas, was wohl erst im dritten Zeitalter in Erscheinung treten würde.

Viele Kämpfe waren mit anderen Clans und Horden gefochten worden und aus jedem Kampf ging ein Zuwachs meiner Horde hervor. Viele Kriegerinnen, die zuvor anderen Horden angehört hatten, waren durch Gefangenschaft oder das Überlaufen zu uns gekommen und hatten sich hier bewiesen - und durch einzelne Freundschaften, die auch während der Kämpfe entstanden waren. So war meine Horde im Laufe der Zeit, die lang war, da das Lebensalter eines Menschen in dieser Zeit zwischen 200 und 500 Jahren andauerte, zu einer Gruppe von Elite-Kriegerinnen geworden – zu einer Elite-Gemeinschaft, die mit der Zeit und während der Kämpfe all ihre schwachen Mitglieder verloren und ihre weichen Elemente ausgemerzt hatte.

So waren die Wesen meiner Horde charismatisch, kraftvoll, erhaben - weibliche Körper in der maskulinen Kraft gestählt, voller Schönheit und Anmut. Und doch war es eine kalte Schönheit, eine abweisende und menschenverachtende Anmut. Es war eine äußere Schönheit, die den Stolz der inneren Macht, Fähigkeiten und Herkunft ausstrahlte, der mit der Zeit in Kälte, Arroganz und Misanthropie ausuferte.

Lange Zeit waren wir in einem großen Landstrich dieser Erde die ungekrönten Königinnen und ungeschlagenen Herrscherinnen über viele Tausende Waldmorgen, die sich um die Berge und durch die Täler zogen, über Zigtausende Wiesenmorgen, die zwischen den großen Strömen und Flüssen lagen und die Seen umfassten. Und viele Tagesreisen verbrachten wir auf unseren Drachen, wenn wir jene Horizontlinie abflogen, die unser festes Land vom Reich der Ozeane trennte.

Mit Genugtuung stellten wir fest, dass alle anderen Horden, mögen sie kleiner oder größer geworden sein als unsere, doch schwächer, sich bei unserem Auftauchen oftmals in Positionen der Unterwürfigkeit begaben, wenn die Flucht oder eine angemessene Friedensbezeugung nicht rechtzeitig gelungen war. Doch was war angemessen für uns? Wir hätten die Beschützer, Führer und Heiler all dieser Menschen und Wesen sein können, doch unser Hochmut machte uns zu Tyrannen.

Doch hinter diesem Hochmut lag etwas, was wir nicht zu offenbaren in der Lage waren, was wir nicht einmal in der dunkelsten Stunde der Demütigung in uns selbst erkennen konnten. Es war jener tiefe Schmerz, jene Hoffnungslosigkeit, die im Laufe unserer elitären Entwicklung
in der Perspektive gereift war, niemanden mehr zu treffen, der uns schlagen konnte - niemand der uns das Wasser reichen konnte, niemand, dem wir uns anvertrauen konnten, niemand, mit dem wir aufrechten Rückens gegenüber stehen konnten, niemand, mit dem wir erhobenen Hauptes und Auge in Auge auf einer Ebene leben konnten. Niemand war da, der uns in die Schranken wies, niemand, der das Rad unseres Schicksals weiterdrehen würde. Jegliches Leben, dem wir begegneten, lag in seinem Wissen und seiner Kraft  weit unter uns - und wir haben es noch tiefer in den Staub getreten. Wir waren der Judas, die Geißel des Landes und unserer Herzen.

Hochmut, Arroganz, Menschenverachtung - alle diese scheinbar aggressiven, aktiven Regungen waren nichts anderes als die grauen Schleier zutiefst empfundener Schwäche und Einsamkeit. Alles hatten wir uns unterworfen, daher war niemand mehr zu finden, dem wir uns anvertrauen, geschweige öffnen konnten. So erlebten wir lange Zeit in unseren fest verschlossenem Herzen die Einsamkeit jener Könige und Priester, die sich durch Kraft und Macht von ihrem Volk abgespalten hatten und zu Kriegern und Tyrannen geworden waren, die das Volk von sich abgespalten hatten.

Wir haben nicht geliebt, sondern wir waren leidenschaftlich. Und oftmals war der Kampf, den wir mit anderen fochten, für uns selbst nichts weiter als ein Training, eine Übung und ein Sport, dem wir das Leben anderer opferten. In der Tat waren wir zu einer Geißel für die Menschen und Wesen geworden, mit denen wir das Land teilten.

Und dann kam eine Zeit, da sich in mir etwas regte, tief im Innersten - noch lange nicht bereit, an die Oberfläche aufzusteigen und sich zu offenbaren, noch lange nicht bereit, Veränderung und Wandlung zu fordern, Einhalt und Besinnung. Zunächst war es nur ein Gefühl tief in mir, etwas Fremdes, etwas, das in dieses Leben, das wir führten, nicht zu passen schien.

Etwas regte sich in mir, etwas, das Unmut, Ungeduld und Unerfülltheit signalisierte. Etwas in mir schien eine Warnung auszustoßen. Ein Gefühl bohrte sich in mir fest, nicht auf dem richtigen Weg zu sein, mich verrannt zu haben. Eine innere Gewissheit fraß sich in meine Eingeweide, die mir sagte: Es ist zu Ende, kein Weg lohnt sich mehr, verfolgt zu werden. Doch noch waren es Regungen, tief genug im Unterbewusstsein verborgen, dass ich sie durch die Züchtigung meiner inneren Haltung verdrängen konnte. Noch waren es schwache Geistesblitze in dunkler Seelennacht, die ich in den lichten und trüben Tagen unserer Jahre zunichte machen konnte.

Doch eines Tages geschah es, dass wir Vertretern einer Horde begegneten, die wir noch nie zuvor gesehen hatten. Sie flogen auf blauen Drachen und auch sie, diese Reiter selbst, hatten bläuliche Haut. Schon von weitem war ihnen eine Sphäre vorausgeweht, die uns stocken ließ. Noch auf einige Entfernung sahen wir die Luft um sie herum flimmern und ein unsichtbarer Bann verwehrte uns die Erkenntnis ihrer Herkunft und Identität. Wir waren nicht in der Lage, sie zu taxieren und zu erkennen, wie wir dies meisterhaft bei allen anderen Wesen verstanden. Sie kamen näher - und flogen in einer unverschämten Sicherheit direkt auf uns zu, keine Furcht und Vorsicht zeigend. So erkannten wir bald die Erhabenheit und Größe dieser Reiter, und jeglicher Gedanke an eine Provokation, geschweige denn einen Angriff, war im Keim erstickt.

Es waren Kundschafter aus seiner Horde - Männer. Es waren Krieger in einer Größe und Ausstrahlung, die wie Götter wirkten - verglichen mit den Samenträgern unserer Horde. Immer war unsere Herablassung diesem Geschlecht gegenüber groß gewesen. Immer war sie etwas tief Fundiertes und äußerst Natürliches gewesen. Niemals wäre uns die Idee gekommen, in einem Mann mehr zu sehen, als das wofür er nach unserer Wahrnehmung lebte, für die Besamung der Mutter neuer Drachenreiterinnen.

Diese jedoch waren mehr als nur Zeugende. Tief in mir brach
etwas in ihrem Angesicht auf. Gewaltig brach etwas durch einen Boden und Mauern hindurch in einen inneren Raum, den ich nicht kannte. Tief in mir begann das, was ich bisher durch Züchtigung meiner kriegerischen Moral und herrschenden Geradlinigkeit verdrängen und abtöten konnte, sich Bahn zu brechen.

Doch die Überraschung war nicht nur auf unserer Seite, da wir einander von Angesicht zu Angesicht erlebten. Auch diesen Männern stockte beim Anblick meiner Frauen der Atem. Sie mussten in diesem Augenblick das Gleiche erleben wie wir, denn sie gehörten, wie wir später erfuhren, einer Horde an, die ihre Frauen unterworfen hatten, zum Gebären neuer männlicher Drachenreiter - und so waren ihre Frauen ebenso unterworfene und elende Gestalten wie unsere Männer. Sie hatten ihre Frauen unterworfen! Hätten wir dies an jenem Tag gewusst, dann hätten wir angegriffen, allein um dieser unvorstellbaren Schändung des einzig edlen Geschlechts unter der Sonne ein Ende zu setzen. Wir haben es nicht gewusst, wohl aber geahnt, ebenso wie sie unseren Umgang mit den Männern ahnten. Und so hatten wir alle in diesem Augenblick der Begegnung Grund genug, einander zu hassen, für das was wir tun - und einander zu lieben, für das was wir sind.

Doch wir waren Krieger und sie sind es auch. Daher war eine Verständigung über die tiefen Gründe unseres Erstaunens und über unsere tief verborgene Freude, einander zu begegnen, noch nicht möglich. Stattdessen wurde ein Kräftemessen veranstaltet, über Rufe, Warnungen, Forderungen an Preisgabe, wer sie seien, wer wir sind, wohin des Weges und warum, an Beanspruchung von Territorien, die sie uns - und wir sie - nicht überfliegen lassen wollten.

Von Beginn an war spürbar, dass keine der beiden Gruppen es auf eine echte Konfrontation, geschweige denn einen Kampf, ankommen lassen wollte. Jedes Wesen meiner und seiner Gruppe wusste, dass wir einander ebenbürtig sind. Und nicht nur dies, in der Tat - nicht nur dies.

Doch es sollte noch viele Jahre dauern, bis diese erste Begegnung eine bedeutsame Fortsetzung fand und unserer alten Welt ein Ende setzte. Eines war bei dieser ersten Begegnung jedoch klar geworden: Hier hatte sich uns zum ersten Mal ein Volk gezeigt, das wir nicht unterwerfen und einnehmen konnten - und tief in unseren Herzen auch nicht wollten. In den folgenden Jahren begegneten wir einander nur wenige Male. Im stillschweigenden gegenseitigen Einvernehmen begannen wir, das Land unseres bisherigen Reiches, oder dessen, was wir dafür gehalten hatten, zu teilen. Die Blauen hatten die Berge als ihre Heimat auserkoren, die Vorgebirgszonen und die unergründlichen Labyrinthe der Hochgebirge, die wir nie erforscht hatten. Wir zogen uns in die weiten sanft hügeligen und flachen Länder zurück, die sich von den Gebirgsketten bis zu den Gestaden des Ozeans zogen. Und immer noch war unser Land so groß, dass wir 33 Tagesreisen auf unseren Drachen brauchten, um es einmal zu umrunden.

Selten kamen wir einander ins Gehege, jeder respektierte die anderen als ein ebenbürtiges Volk, das nicht anzurühren war. Innere Unruhe war ausgebrochen, was war geschehen, was geschah und was würde kommen? Anziehung und Abstoßung wirkten gleichermaßen stark. In unseren Träumen, Visionen und Gesprächen ging es immer öfter um die blauen Drachenreiter. In der physischen Alltagswelt hielten wir uns voneinander fern. Die Zeit hatte ein eisernes Gebot in meine Horde gepflanzt, und wohl auch in seine: Die Räume der eigenen Gemeinschaft und Länder durften nicht verlassen, die Grenzen nicht überschritten werden, die Grenzen und Räume der Anderen durften nicht verletzt werden. Dies war die erste Unterwerfung unseres Willens und Volkes seit vielen Jahrtausenden, doch wir beschlossen es selbst – so glaubten wir.

Und dennoch war etwas in uns, das immer wieder die Flugbahnen unserer Drachen in ihre Richtung lenkte, das uns immer wieder in die Nähe der Grenzlinien zog - um zu beobachten, zu sehen und zu fühlen. Keine kriegerische Regung war in uns, nicht einmal die Idee eines Herrschaftsanspruchs, den wir bisher immer geltend gemacht und durchgesetzt hatten. Es war Neugier und eine tiefe, unerfüllte Sehnsucht nach ..... wonach, das wusten wir nicht. Doch Stolz und Verachtung gegenüber allen, die nicht zu uns gehörten, waren im Laufe der Jahrtausende von unterworfenen Vätern und herrschenden Müttern von Generation zu Generation weitergegeben und zu einer gewaltigen Mauer geworden, die unsere Herzen umschlossen, unsere Vernunft versteinert und unser Fühlen vereist hatte. Immer waren wir Wesen des Herzens gewesen, wenn auch das Fühlen unserer Herzen ausschließlich im Dienste der Herrschaft, des Krieges und der Magie gestanden hatte.

Respekt, Mitgefühl und Liebe brachten wir einander entgegen und, mehr noch, unseren Drachen. Sie waren die einzigen Wesen, die wir in unserer Welt als ebenbürtig wahrgenommen hatten. Ihre Weisheit und Macht, ihre Kraft und aggressive Freude, ihre zuweilen große Grausamkeit, die in ganz eigenen Formen von Gerechtigkeit und Mitgefühl gründete, waren jene Charakterzüge, die wir ehrten, die wir als schwache Menschen erstrebten, die wir zu unserem Maßstab gemacht hatten. Die Drachen waren unsere unerreichbaren Götter und unsere gezähmten Diener.

Wir hatten uns selbst die Drachen, die in ihrer Macht und Weisheit weit über uns standen, untertan gemacht, sie mit uns auf gleiche Höhe gebracht. Wir waren ihnen entgegen gewachsen und hatten sie gleichzeitig um das Maß, das wir nicht wachsen konnten, zu uns herabgezogen und erniedrigt. So lebten wir in einer unergründlichen Schwesternschaft zwischen Reiterinnen und Drachen, die wie von einer tiefen familiären Bindung getragen war.

Und dennoch waren Drachen Drachen und Menschen Menschen und unter den Menschen gab es Frauen, Kriegerinnen und Herrscherinnen, und Männer, Samenspender und Unterworfene. Viele Jahre vergingen, in denen wir es uns auferlegt hatten, den Raum des blauen Volkes nicht zu berühren, uns ihnen nicht anzunähern und kein Signal zu geben. Viele Jahre zogen wir einander an und machten große Bögen umeinander. Und doch brannte die Zeit die Gewissheit in unsere Herzen, dass wir auf anderen Ebenen mit ihnen längst verbunden waren. Damals waren wir nicht in der Lage, in Gedanken und Worte zu fassen, was geschehen war und geschah, und daher konnten wir es weder lenken noch verhindern. Wir waren zu einem Spielball der höheren Mächte geworden, die Wege in unsere innersten Seelenräume gefunden – und diese aufgerissen hatten.

Wir waren ohnmächtig und ahnten, dass die Zeit selbst mit dem Raum und den Elementen tanzen würde, um unsere Herrschaft und alte Ordnung in ein Chaos zu stürzen. Wir wappneten uns, ohne den Feind zu kennen, lauerten von Tag zu Tag und Monat zu Monat wie die Raubtiere auf ihre Beute – und wussten doch, dass es keine Beute mehr geben würde. Damals konnten wir nicht wissen, dass eine alles Grauen verzehrende Liebe in uns aufgeflammt und auf das blaue Volk übergeschlagen war und umgekehrt. Doch da sie in den Tagen über uns kam, da wir selbst das Grauen der anderen Völker waren, stach sie wie ein flammendes Schwert in das Heiligtum unseres Bewusstseins und ließ unsere einst reich mit Trophäen geschmückten Tempel ausgebrannt zurück. Der Atem der Zeit flimmerte zunehmend in unserem Atem – und bald war es nur noch eine Frage der Zeit, der Möglichkeiten und des Schicksals, da wir einander begegnen, den Bann durchbrechen und die Grenzen der Anderen übertreten sollten. 

So geschah es eines Tages, dass ich allein mit meinem weiblichen Drachen unterwegs war, viele Tagesritte fort von den Gestaden des Ozeans, weit über die flachen hügeligen Länder unserer Heimat hinaus in Richtung der Vorgebirge. Unsere Seherin hatte viele Tage aufeinander folgend Visionen von einem bestimmten, uns noch unbekannten Ort und einer neuen Population unseres Volkes gehabt. Wie so oft hatte sie in ihrer tiefen Verbindung mit den lichtlosen Rassen, die unter der Erdoberfläche lebten, Zeichen und Prophezeiungen erhalten, denen ich nachzugehen, die ich umzusetzen hatte. Immer waren ihre Gesichter und Informationen verlässlich gewesen, oft hatten sie uns vor Gefahren gewarnt und zur Ausdehnung unserer Reiche und Macht beigetragen. Daher nahm ich es auf mich, in ein Gebiet zu fliegen, das der Tabuzone der Blauen sehr nahe – und mir in seinem Wesen fremd war.

Ich hatte von Beginn an gespürt, dass dieser Ritt eine Herausforderung sein würde, und sie war mir willkommen, denn unsere letzten großen Schlachten lagen inzwischen einige Jahre zurück. Nach sieben Tagesreisen und der Erkundung des fraglichen Gebietes, in denen es weder Begegnungen noch Zwischenfälle und Ergebnisse gegeben hatte, waren unsere Nahrungsreserven fast aufgebraucht. Enttäuscht und müde beschlossen wir, diese unwirtliche Landschaft zu verlassen und uns auf den Rückflug nach Hause zu machen. Wir hatten eben erst abgehoben und die übliche Reisehöhe knapp über den Wolken erreicht, als uns ein kalter Windstoß ergriff und festhielt.

Das Unwetter war zuerst hoch über uns. Es war zwischen den Bergen langsam aufgezogen und dann mit großer Schnelligkeit herangeeilt, als hätte es die Absicht, uns zu treffen. Unwetter waren uns nicht unbekannt und wir wussten mit den Stürmen der Meeresgestade umzugehen, segelten oft und gern zwischen den Schichten der Winde und Temperaturen, spielten und tanzten mit ihnen und konnten sie einschätzen. Doch in unseren flachen Regionen verhielten sie sich anders als hier am Rande der Gebirge, wie wir zwar wussten, hier jedoch wie einen Überfall erlebten. Blitzschnell, in einer breiten heranpeitschenden Sturmwand, die sich urplötzlich wie ein Kessel um uns herum geschlossen hatten, fing der Wind uns ein und ließ uns keine Möglichkeiten mehr, uns in Sicherheit zu bringen. Die Landung wurde durch aufsteigenden Sog und furiose Turbulenzen in Bodennähe unmöglich. Eine Sturmwalze mähte dort die Pflanzen nieder, wo wir eben gerade gestartet waren.

Also schoss Ghovany in einer engen senkrechten Spirale durch die nächste Wolkendecke hindurch und glitt pfeilschnell, mehr mit der Kraft ihres Willens als mit den Schlägen ihrer Flügel, durch die Gewitterwand hinauf in das gleißende kalte Licht, das über jener Finsternis lag, die eben noch nicht existiert hatte und sich jetzt rasend schnell über dem Land ausbreitete.

Die Durchquerung der oberen Wolkenschicht tauchte uns in ein eigenartiges weißes Licht ein, das sich vollkommen von dem gelbem Sonnenschein unterschied, den wir kannten. Ein unwirkliches Flimmern ging vom Licht und von der Druckwelle aus, die auch hier über den Wolken herrschte und einen Übergang zwischen den elektrischen und magnetischen Luftschichten bildete, einen Ausgleich zwischen den höheren atmosphärischen und den erdnahen Klimazonen erkämpfte. Ghovany flog zwar pfeilschnell, doch gleichzeitig wurden ihre Bewegungen träger. Für mich wurde es schnell eine große Anstrengung, den Atem so weit aufrechtzuerhalten, dass ich diesen Flug für einige Stunden überleben konnte. Und dies schien notwendig zu werden.

Die Drachin erlitt beim Durchstoß durch die Wolkendecke, in der Berührung der gewaltigen Ladung elektrischer Energien und der magnetischen Wassermassen eine so starke Desorientierung, dass sie, anstatt den geraden Weg zurück in die flachen Ebenen unserer Heimat zu nehmen, genau in entgegengesetzter Richtung flog, auf das Hochgebirge zu. Wir beide merkten es erst, als nach einigen Stunden gewaltige graue Massive sichtbar wurden, die die endlose dunkle Wolkendecke durchstießen und ihre kegelförmigen, rundlichen Spitzen in einen irisierenden, unwirklichen Himmel streckten.

Endlich fanden wir Schutz auf einem kleinen Plateau, tief genug in den Höhenlagen des Gebirges, dass ich einigermaßen atmen konnte, und hoch genug, dass wir noch über dem Gewitter und dem Blitze schleudernden Wolkenmeer waren. Auch hier, Stunden nach dem ersten Einschlag, der ersten Begegnung und Hunderte von Meilen südwärts hatte das Wolkenheer mit seinen Feuerkriegern und donnernden Kanonenschlägen nicht nachgelassen, sondern sich eher verstärkt. Es schien, als hätte sich eine dritte Kriegerhorde auf den Weg gemacht, um unsere beiden Völker auszulöschen. Und tief in mir konnte ich mich nicht des Gefühls erwehren, persönlich angesprochen, angebrüllt, ja geohrfeigt zu sein. Hier war eine Macht auferstanden und hatte sich mir in den Weg gestellt, der ich nicht annähernd die Stirn bieten konnte.

Sieben Tage und sieben Nächte blieb ich mit meiner Drachin in der kleinen Felsenhöhle auf dem Plateau gefangen, denn nichts um uns herum veränderte sich, weder in der Dramatik der wogenden Wolkenmassen unter uns noch im Temperament der Farben, Lichter und Geräusche. Nachts saß ich unter dem klaren Sternenhimmel und hatte es längst aufgegeben, auf Schlaf zu hoffen, solange tief unter mir das Tosen, Poltern, Krachen und Blitzen nicht aufhören wollte, der Erde den Krieg zu erklären. Schon lange hatten wir nichts mehr zu essen. Doch hatten wir zu dieser Zeit die Fähigkeit, viele Tage und Wochen ohne feste Nahrung auszukommen. Wir hatten uns schon seit Jahrhunderten darauf eingerichtet, durch mentale Kraft, den konzentrierten Willen des Geistes, den Körper zu stählen und ihn durch lange Phasen des Hungers und der Dürre hindurch zu bringen, ohne dass er seine Kraft und Geschmeidigkeit verlor.


Sieben Tage und sieben Nächte

Sieben Tage und sieben Nächte der Gefangenschaft auf einem Gebirgsplateau hoch über einer feindlichen Wolkenmacht, die das Land mit der gewaltigen Wucht ihrer bleigrauen Schwere erdrückte und die ungebändigte Wut ihrer elektrischen Schläge nach unten prügelte. Ich saß darüber, in Sicherheit und doch ausgeliefert. Kein Schlag zielte auf mich ab und doch konnte ich keinem Donner, keinem Beben und keinem grellen Lichtblitz ausweichen. Ich musste es anschauen und anhören. Ich musste es ertragen und durchhalten.

Dies konnte, wie ich ahnte, nicht ohne Spuren und Konsequenzen bleiben. Sieben solcher Tage und Nächte konnten nicht spurlos an mir vorübergehen. Es war keine Angst in mir, Angst kannte ich nicht, aber Zorn, Ungeduld und der Durst nach Rache ob dieser Demütigung - und gleichzeitig ein tief verborgenes Gefühl von Ehrfurcht. Doch wovor? Das sollte noch lange unbeantwortet bleiben, denn dieses Gefühl selbst, Ehrfurcht, hatte ich schon ein Zeitalter lang nicht mehr in mir gespürt. Fremd war es mir geworden, doch hier wurde es mir geradezu eingeprügelt. Es wurden sieben Tage und sieben Nächte tiefster innerer Einkehr bei größtem äußeren Chaos - unendlicher Desorientierung und Infragestellung all dessen, was ich bisher dachte, fühlte und war, all dessen, wofür ich gelebt hatte.

Sieben Tage und sieben Nächte schloss ich kein Auge, war immerzu auf der Suche nach irgendeiner Veränderung in der Wolkendecke, die nicht weichen wollte, nach Veränderung der Geräusche und der Wucht der Schläge, die nie müde wurden. Diese Tage der Gefangenschaft über den Wolken begannen mit Ermüdung, Zorn und Ungeduld, wurden zu Erschöpfung, innerer Anspannung und äußeren Erwartung - und schließlich flossen alle Regungen unmerklich ineinander und wurden zu einem Zustand tiefer Trance und höchster Achtsamkeit. Meine äußeren Augen waren seit Tagen halb geschlossen und sahen die grauen Konturen, Flächen und Wogen nicht mehr. Die inneren Augen begannen, sich in einer neuen Weise zu öffnen. Nie war mir die Kraft der Inneren Sicht fremd gewesen. Dieses Wissen und die Fähigkeit erhielten und gaben wir mit der Muttermilch weiter. Und doch veränderte sich die Natur meiner Wahrnehmung beunruhigend und doch beruhigend.

Stets verschwiegene und sorgsam verschlossene dunkle Welten stiegen in mir auf und drängten an mein benommenes Wachbewusstsein, stahlen sich durch die Nebel meiner Ohnmacht hindurch und flossen mit den äußeren Wolkenwelten der Unterdrückung und des Zorns zusammen. Gemeinsam schienen sie einen hämischen Tanz aufzuführen, dem ich in allen Richtungen ausgeliefert war. Rohe Kräfte prallten aufeinander, verschlangen sich ineinander und gebaren von Minute zu Minute ein neues Chaos, während mein Körper auf dem eiskalten Stein lag und der Kopf auf der warmen Pranke meiner Drachin.

Im Laufe dieser sieben Tage, die mir wie sieben Jahre erschienen, verlor ich mein altes Leben, mein altes Fühlen und Empfinden und die Orientierung meines alten Wissens. Alles war fortgeweht, gefallen und aus mir heraus gepeitscht worden. Nichts blieb in mir zurück als das nackte Gefühl, dass jene Regungen, die seit der ersten Begegnung mit dem blauen Volk vor Jahren in mir aufsteigen wollten, sich nun mit der Hilfe der Götter den Durchbruch verschafft hatten. Glaubte ich am Beginn dieser sieben Tage und Nächte, dem Gewitter ausgeliefert zu sein, so erkannte ich am Ende, dass ich meinen eigenen Gefühlen ausgeliefert war - mir selbst. Und es waren so sanfte, warme, weiche und quälende Gefühle, dass ich wahnsinnig werden wollte - oder alle Schwerter des Landes wetzen, um die Qual in mir abzutöten.

Doch auch wenn sich mein äußeres Wesen dagegen aufbäumte, so war tief in mir eine ruhige, fast glückselige Gelassenheit - eine Gewissheit, so unumstößlich und fest wie die ältesten Erinnerungen an unser Volk, die heute noch die Seele einer jeden Reiterin von Grund auf prägen: Dieser Augenblick sollte eine Leben verändernde Bedeutung für mich haben - und nicht nur für mich, sondern für mein ganzes Volk.

Sieben Tage und sieben Nächte der völligen Wachheit meines Körpers und Geistes waren gleichzeitig sieben Tage und Nächte völliger Abwesenheit meines irdischen Lebens. Mein Leben rieselte in dieser Zeit wie Sand durch ein Stundenglas, bis im oberen Kolben nichts mehr war. Tief in mir wusste ich, dass es nun an der Zeit war, das Glas zu drehen.


Der blaue Drache

Wie aus dem Nichts kommend, mit einer unfassbaren Leichtigkeit, einer Selbstverständlichkeit, die nur in der Welt der Götter herrschen konnte, klarte am Morgen des achten Tages die Wolkendecke auf und verschwand binnen einer Stunde unter unseren Füßen. Unendlich tief unter uns, wie mir schien, öffnete sich ein Tal, das viele tausend Meilen entfernt zu sein schien und doch in den leuchtenden Farben grüner Wiesen und Wälder zu uns herauf winkte.

Auch in meiner Gefährtin waren Veränderungen vor sich gegangen. Ghovany war von je her ein feuriges Wesen, das
alle Elemente unendlich viel ungezügelter und leidenschaftlicher in sich trug, als wir Menschen es je tun könnten. Immer hatte sie sich an die Grenzen gehalten, die ich ihr vorgegeben hatte, obwohl es nicht ihrer Natur entsprach. Zwar hatten wir Menschen diese Grenzen weit gehalten, nach unserem Maße erschienen sie manches Mal zügellos und leidenschaftlich. Doch immer haben die Drachen selbst sie in eiserner Disziplin gehütet, mit einer Kraft, die fließend zwischen Weisheit und Grausamkeit lag, und typisch für die Drachen unserer Zeit war. Auch Ghovany schien, als wir uns nach sieben Tagen und sieben Nächten zum ersten Mal wieder in die Augen schauten, von einem geheimnisvollen Frieden beseelt. Eine elfenhafte Sanftmut schimmerte aus ihren großen Reptilienaugen. Es war, als würden wir uns nach 223 gemeinsamen Jahren zum ersten Mal erblicken. Ein tiefer Schauer durchfuhr mich, ein Stich durchzuckte mein Herz und ich wusste, dass das Stundenglas gedreht war – und der Sand erneut begonnen hatte zu rieseln.

Dieser Augenblick bestätigte mir die Gewissheit unserer bedingungslosen Verschmelzung, die schon über zwei Jahrhunderte andauerte, und gleichzeitig den Beginn einer Neuen Zeit, deren Anfang noch weit vor uns lag, denn es sollte eine andere Zeit sein als jene, die unsere Völker kannten. Sieben Tage und sieben Nächte hatten uns beide in gleicher Weise getötet und gewandelt, gezeugt und geboren, und uns, wie erst später offenbar wurde, auf eine höhere Ebene unseres Bewusstseins geführt.

Unsere Blicke streichelten einander. Die Träne, die aus meinem rechten Auge lief, beantwortete sie mit einem leisen Grollen in den Tiefen ihrer Kehle. Einverständnis herrschte zwischen uns wie eh und je, doch selbst dies hatte seine Natur verändert. Wortlos stieg ich schließlich in ihre Nackenbeuge, wo ich schon so oft gesessen hatte, unzählige Male, einfach reitend und den Flug genießend, unzählige Male ringend mit anderen Drachenreitern, unzählige Male gegen angreifende Vögel, Drachen und Kreaturen kämpfend. So sehr war ich mit diesem Platz verwurzelt, mit diesem Ort meiner innigsten Heimat, dass ich Himmel und Höllen durchqueren würde, wenn mir dieser Platz, der von jeher mein Leben trägt, dafür erhalten bliebe. Und doch war mir heute, als erführe ich zum allerersten Mal die wahre Berührung mit ihrem Körper, mit ihrem Wesen - und vielleicht sogar die wahre Berührung mit meinem eigenen Körper und Wesen.

Ghovany streckte sich genüsslich, als ich saß und meine Beine festgeschnallt hatte. Sie reckte sich in die Höhe, schüttelte die Steifigkeit aus ihren Gliedmaßen, öffnete die Flügel und hüpfte ein wenig auf der Stelle, als müsse sie ihre Flügel und selbst die Flugfähigkeit ihrer Schwingen neu testen. Spürbar hatte sich auch in ihr ein tief greifender Wandel ihres Fühlens und ihrer Körperwahrnehmung vollzogen.

Schließlich ließ sie sich, wie so oft schon in den Jahren zuvor, wenn wir in den Bergen waren, in einer unendlich gelangweilten Eleganz von der Klippe fallen, tief stürzend eine Zeitlang, bevor sie sich bequemte, die Flügel aufzufalten und ihren massigen Körper in einer eleganten Kurve abzufangen. Souverän bestimmte sie ihren Kurs seit Jahrhunderten selbst.

Dieses Todessturz-Manöver, wie sie es nannte, liebte sie über alles. In den flachen Marschlandschaften am Rande des Meeres geboren, hatten ihr selbst die großen Stürme dieser weiten, ebenen Land- und Wassermassen nach dreihundert Jahren Flugkunst nicht mehr viel zu bieten. Ihre horizontale Flugfähigkeit über dem liegenden Land hatte sie zur Meisterschaft gebracht. Ihre große Herausforderung wurden die Berge, das stehende Land, wie sie es ausdrückte, wo sie endlich aus den Zonen der langweiligen Gleitsegelschwebeflüge in fallende und steigende, schraubende und stürzende Bewegungen gelangte. Viele Jahre ist es her, dass sie Bekanntschaft mit einer völlig anderen Natur des Windes machte. Ich erinnere mich gut an ihren ersten Schock bei einem plötzlich auftretenden kalten Fallwind, der ihr das Luftkissen unter den Flügeln fortgezogen hatte, wie man uns den Boden unter den Füßen fortziehen könnte. Und nur kurze Zeit darauf war sie auf eine kraftvolle warme Thermik gestoßen, von der sie heute noch behauptet, diese sei so stark in ihrem Auftrieb gewesen, dass sie eigentlich im Steigen ihre Flügel hätte einfalten können.

Ja, wenn Ghovany glücklich war, gebärdete sie sich übermütig wie ein siebenjähriges Mädchen. Und sie war gern und oft glücklich, selbst in den dunklen Jahren des Blutvergießens, das die fünf Völker des Meeres und die fünf Völker der Berge auseinander gerissen - und ihr das Volk und die Heimat genommen hatte. Dies liegt viele Jahre zurück und inzwischen war aus ihr auch eine Meisterin der Gebirgsflüge geworden.

So glitten wir eine Zeitlang auf ihrem Kurs durch diese senkrechte Welt, ohne dass eine von uns beiden  hätte sagen können, ob die Bahn, der wir folgten, ihrem Willen, meiner Führung oder einer Vorgabe der Götter entsprach. Nur sieben Tage und sieben Nächte waren vergangen, doch es schien ein Jahrhundert her zu sein, dass wir das letzte Mal gemeinsam geflogen sind. So genossen wir einander und den Flug in einer fremden Umgebung, doch in einer tiefen, altbekannten Verschmelzung, in der noch etwas lag, das wir beide nicht kannten: eine Scheu vielleicht, die dann auftritt, wenn Respekt, Achtung und Zärtlichkeit dem anderen Wesen gegenüber mit Macht über uns kommen.

Urplötzlich erstarrte mein Atem. Wie aus dem Nichts kommend stürzte ein gewaltiges Wesen auf uns zu – ein blauer Drache, der, schon von weitem erkennbar, mindestens um die Hälfte größer war als Ghovany. Die Luft erzitterte unter seinem Brüllen und es war, als zögen die Bergmassive sich zurück, um der Macht seines Zorns zu entgehen. Sofort erkannte ich, dass er zur Horde der Männer gehörte und dabei wurde mir klar, dass wir uns hier tief im Herzen ihres Territoriums befinden mussten. Alle Leichtigkeit der letzten Stunde war schlagartig verflogen. Alle neuen Gefühle der Sanftheit und Empfindsamkeit waren in der Explosion dieses Augenblicks zunichte geworden. Der Drache schoss aus weiter Ferne auf uns zu und eine Macht ging von ihm aus, die uns in einer Warteschleife zu bannen schien. Hier und Jetzt sollte es also geschehen! Hier also hat das Schicksal eine neue Begegnung zwischen uns und den blauen Reitern geplant! Was wollten die Götter? Eine von uns gegen Hunderte von ihnen antreten lassen? Noch war der blaue Drache weit genug von uns entfernt, dass wir hätten fliehen können. Doch allein diese Vorstellung wäre für uns beide unerträglich gewesen. Lieber sollte dies unser letzter Kampf gewesen sein. Alles in uns spannte sich an, jede Sehne unseres Körpers wurde zu einer Bogensehne, jede Ader in unserem Körper pulsierte wie siedendes Pech und sogar unser Atem wurde scharf zischend wie ein eben abgeschossener Pfeil.

Und plötzlich war der Drache da. Wie wir es aus all den Jahren der Kämpfe gewohnt waren, wenn wir dem Gegner zu nahe kamen, machte sich jeder der beiden reflexiv für den Kampf bereit, für den Angriff oder die Abwehr, je nachdem, was die eigene Position zuließ und die Position des anderen schwächen konnte. Doch es war nur der Bruchteil einer Sekunde, da ich spürte, dass diesmal irgendetwas anders war. Bei aller Wildheit, die dieser Drache ausstrahlte, bei allem brüllenden Zorn, der von ihm ausging, bei aller Schusskraft, die seine Flugbahn auf uns richtete, bei aller Macht und Dominanz, die der Blaue im Augenblick dieser Begegnung zu haben schien - irgendetwas war anders als sonst, so bedeutend anders, dass ich jegliche Obacht über Angriff oder Verteidigung fahren ließ.

Dieser Drache war allein. Er hatte keinen Reiter auf dem Rücken und jetzt erkannte ich ihn: Es war der Drache des Anführers jenes blauen Volkes. In diesem Augenblick wusste ich, dass etwas geschehen war und er nicht gekommen war, um uns anzugreifen oder aus seinem Terrain zu vertreiben. Nun fühlte ich, dass sein Brüllen keinen Zorn, sondern Verzweiflung ausdrückte. Er war gekommen, um Hilfe zu holen und uns an einen Ort zu führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Reiter finden würden.

Einige Male brauste er in wilden, enger werdenden Kurven um uns herum. Sein Brüllen hielt an und war von wilden Feuerlohen begleitet, die er aus dem Rachen stieß. Doch sie stoben nicht in unsere Richtung, sondern parallel zu unserer Flugbahn. Auch Ghovany hatte die Situation erfasst und unterließ es, in offensiver oder defensiver Weise zu reagieren, wie sie es sonst tat, wenn plötzliche Angriffs- oder Ausweichmanöver nötig wurden. Anstatt ihre meisterhaften Kampfflugmanöver einzusetzen, die den anderen aus seiner Bahn brachten, begleitet vom Feuerspeien und gezielten tödlichen Hieben mit dem Schwanz, begann sie mit ihm zu kreisen. Er flog im äußeren Ring und wir im inneren. Damit unterstellte sie sich ihm, der vor Schmerz außer sich war und daher gefährlicher und unberechenbarer als in jeder anderen Situation
, bedingungslos. Sie zeigte ihm, dass wir verstanden hatten und bereit waren, ihm zu folgen.

Drei Kreise flogen wir noch miteinander. Wir nannten sie Kreise der niedergelegten Schwerter. Während des Fliegens solcher Kreise bestätigten wir schon seit Jahrhunderten ein Übereinkommen, das beiden Parteien Waffenstillstand und Fairness garantierte, bevor die Steine des Schicksals neu fielen. Dann drehte der blaue Drache ab und schoss in die Richtung davon, aus der er gekommen war, wissend, dass wir ihm folgen würden. Ghovany und ich waren erstaunt über seine blitzartige Orientierung. Wir beide hatten während des Kreisens längst die Richtungen von Sonnenaufgang und Untergang verloren zumal die vielen steilen Hänge und abgerundeten Berggipfel von einer verwirrenden Gleichartigkeit waren. Viele Meilen und Stunden flogen wir hoch über den Gipfeln der in alle Richtungen endlosen Gebirgskette in für meine Lungen viel zu dünner Luft, bevor der blaue Drache endlich begann, seine Flughöhe und Geschwindigkeit zu reduzieren und seinen Blick suchend über das Land gleiten zu lassen. Unmittelbar darauf fixierte er einen kleinen Felsvorsprung, der wie eine Aussichtsplattform aus der Wand eines steilen Bergmassivs herausragte. Es war kein leichtes Unterfangen, hier zu landen. Ein Herunterkreisen war nur eingeschränkt möglich, da die südliche Hälfte dieses Ortes aus der massiven Bergwand bestand, und die nördliche Hälfte aus einem klaffenden Abgrund, von dem Gefälle zwischen der magnetischen Anziehungskraft des Felsen und der elektrischen Abstoßung des Abgrunds sowie den Windturbulenzen in diesem Bereich einmal abgesehen. Doch zu dieser Zeit war es nicht nur windstill, sondern es schien, als hätten die letzten sieben Tage und Nächte alle Windreserven für die nächsten Jahre aufgebraucht. Der blaue Drache setzte mit traumwandlerischer Sicherheit zur Landung an. In engen Spiralen, die das Bergmassiv völlig ignorierten, drehte er abwärts und setzte auf. 

Ein leichtes Zucken ging durch den Körper meiner Drachendame. War es die Furcht, sich zu blamieren oder die Entschlossenheit, sofort nach dieser Aktion neue Flugmanöver zu üben - und so oft von diesem winzigen Vorsprung zu starten und auf ihm zu landen, bis sie es im Schlaf konnte? Auch wir setzten zur Landung an - und es war nicht annähernd so elegant wie beim Blauen. Ich fühlte die heiße Welle glühender Scham und verbissenen Ehrgeizes, die den Körper meiner Partnerin und so auch meinen Körper durchströmte - und musste schmunzeln. Wenige Schrittlängen neben dem Blauen setzten wir auf. Das Plateau war gerade groß genug für zwei Drachen, ein dritter hätte unmöglich landen können. Es war von Norden, Osten und Westen her ungeschützt. Winde aus diesen Richtungen würden alles herunterfegen oder gegen die Bergwand drücken, was darauf lag. Eine flache Bodenmulde war die einzige, leicht geschützte Vertiefung am nördlichen Rand. An dieser Stelle hatte sich auf dem kahlen Fels ein wenig Erde angesammelt und verfestigt, das flachem, hartem Gestrüpp und einigen Moosen und Flechten Lebensraum geboten haben musste. Doch diese Pflanzen waren nun verbrannt. Nur einige versengte niedrige Zweige streckten sich noch in die Höhe.

Die Mulde war gerade groß genug, um den Körper aufzunehmen, der dort zwischen den verkohlten Pflanzen in der Sonne lag. Doch dieser Körper selbst wies keine Brandspuren auf. Ghovany und ich schauten uns verdutzt an. Wäre der blaue Drache nicht gewesen, hätte sie sofort begonnen, den Körper und die Umgebung zu beschnüffeln. Doch in diesem Augenblick wäre das selbstmörderisch gewesen, wie ein kurzer Seitenblick auf den Blauen zeigte. Ich betrachtete den Körper. Er lag auf dem Bauch.

Bei diesem Anblick geschah etwas in mir, dessen ich nicht Herr war. Wie oft habe ich Menschen am Boden liegen sehen, schwer verletzt oder tot, wie oft war ich selbst dafür verantwortlich gewesen. Und selten hatte es mich anders berührt als in der Form eines wilden inneren Triumphgefühls. Doch hier war es anders. Noch saß ich in meinem Sattel in Ghovanys Nackenbeuge, mit dem größten Abstand, der hier möglich war. Doch schon durchfuhr mich ein inneres Strömen und Ziehen, vom Herzen zum Bauch fließend, und von dort aus meinem Leib heraus und direkt in den liegenden Körper hinein. Etwas pulsierte in mir auf und ab und gleichzeitig floss es von mir fort, hin zu diesem unbekannten Wesen. Dieses Etwas zog und spülte mich schließlich aus der Mulde meines Drachensitzes heraus. Das Losschnallen meiner Beine und das Herabgleiten über Ghovanys Flanke war eine einzige Bewegung. Langsam ging ich auf die Felsmulde zu.

Es war zu erwarten gewesen: Obwohl der fremde Drache uns zu Hilfe geholt hatte, flammte in diesem Augenblick doch sein instinktiver Argwohn auf. Er zuckte mit seinem gewaltigen gehörnten Kopf auf mich zu, zog die Lefzen hoch und fauchte leicht. Leise knurrte er mich an und warnte mich. Wenn er mich schon so nahe an den wehrlos am Boden liegenden Leib seines Herrn und Freundes heran liess, dann nur, um ihm zu helfen. Würde ich auch nur eine falsche Bewegung machen, würde er auch nur die Ahnung einer Hinterlist aufschnappen - er würde mich und meinen Drachen zerfleischen. Ein Schlag mit seiner Pranke und einer mit dem gehörnten Schwanz würden genügen, um uns beide vom Felsvorsprung zu fegen. Und siehe da: Ghovany, die zweihundert Jahre lang niemanden an mich heran gelassen hatte, zog sich sanft aber deutlich von mir zurück, überließ mich seiner Angriffslinie und drehte ihm die hintere Flanke zu. Ein unmissverständliches Zeichen des Vertrauens, das sie ihm bewies - und von ihm verlangte. Es war ein gewagter Schachzug, doch ihr Instinkt war unerschütterlich und sie war klug genug, in einer perfekten Mischung von weiblicher Unbedarftheit und äußerster Diplomatie Disziplin von ihrem Artgenossen zu fordern - für diesen Augenblick und alle weiteren, die noch kommen mochten.

Ich nickte ihm zu und sagte leise: „Es ist gut. Ich werde alles tun, was ich kann.“ Und dies entsprach meiner tiefsten Wahrheit. In dem Augenblick, da ich mich seinem Körper wieder zuwandte, durchfuhr mich eine unergründliche Sehnsucht. Der Wunsch, ihn zu retten und zu heilen, verselbständigte sich als ein eigenständiges Wesen, das meinen kühlen Geist aus dem Weg stieß und mir den Atem nahm. Gleichzeitig brach eine stoßartige Panik durch, die Frage, ob dieser Mann überhaupt noch lebte. Sein Kopf war von einem unverbrannten Zweig mit Blättern bedeckt. Sein Drache hatte ihn offensichtlich aus den tieferen Regionen heraufgeholt und über ihn gelegt, um ihn vor der Sonne zu schützen, bevor er sich auf die Suche nach uns machte.

Bilder und Fragen schossen mir durch den Kopf. Hatte der Drache uns bewusst gesucht? Woher wusste er, dass wir im Gebirge waren, in der Nähe und doch Hunderte Meilen westlich von hier. Erinnerte er sich an uns durch die Begegnung vor 25 Jahren? Hatte sein Herr ihn geschickt? Welche Netze mögen gewoben sein, in denen wir seit Urzeiten Fäden sind – Fäden, die von jeher aufeinander zugelaufen sind, um hier und jetzt einen Knotenpunkt zu bilden? Welche Bindungen herrschen zwischen dem blauen Volk und uns, lange bevor wir uns zum ersten Mal trafen? Alles fühlte sich an wie eine lang verabredete Begegnung, doch diese Vorbereitung musste lange zurückliegen. Mein Verstand und Wissen erinnerten sich an nichts, doch das Gefühl, während all der Wege und Reisen meines Lebens immer nur auf diesen Augenblick zugesteuert zu sein, ergriff machtvoll Besitz von mir.


Zutiefst gründete mein Sehnen nach seinem Überleben nicht in der Angst vor dem Drachen bei seinem Tod. Es war ein Gefühl, ein Gefühlswesen, das in mir selbst Form und Gestalt annahm, ohne sich mir erkennbar zu zeigen, ohne mich wissen zu lassen, wer oder was es ist – und was es will.

Einige feine Blutströme waren aus seinem Leib geflossen und getrocknet. Sowohl an seinem Körper als auch am Gestein klebte verkrustetes schwarzes Blut. Ich kniete nieder und befühlte sanft seine Seiten. Mit angehaltenem Atem beugte ich mich über ihn und legte mein Ohr an seinen Rücken, um auf den Herzschlag zu horchen. Allein das unregelmäßige schwache Pochen entfesselte einen lautlosen Schrei in mir. Er lebte! Schmerz, Freude und Erleichterung ließen mich innerlich jubeln, als sei es mein eigenes Leben, das hier auf der Felsplatte knapp dem Tode entronnen war. Ich riss mich zurück, kam nur den Bruchteil einer Sekunde zu mir und atmete schwer, entsetzt von dieser ungezügelten Art, mich gehen zu lassen. Ich kannte ihn doch gar nicht! Was ging hier vor? Ein kurzer innerer Kampf zwischen Widerstand und Hingabe, zwischen Stolz und sehnender Liebe flammte in mir auf. Ich atmete heftig und erst die Blicke der beiden Drachen, ein scharf stechendes, forderndes Augenpaar und ein sanfter aufmerksamer und beruhigender Blick, brachten mir die Fassung zurück.

Ich legte den welk gewordenen Zweig zur Seite und befühlte mit den Fingerkuppen seinen Kopf. Dann tastete ich vorsichtig den Körper nach Verbrennungen, Brüchen oder anderen erkennbaren Verletzungen ab. Dabei biss ich eisern die Zähne zusammen, um jenen Gefühlen, die in mir aufsteigen wollten, Einhalt zu gebieten, um ihnen ein für alle mal den Krieg zu erklären. Sie sollten es nicht wagen, mich hier und jetzt zu demütigen! Keine Gewalteinwirkung war erkennbar, keine Waffen, kein Speer, keine Pfeilspitze, nicht einmal ein äußerer Sturz hatte Wunden hinterlassen. Alles schien sich innen abgespielt zu haben. Doch was war es?

Entschlossen, sanft und doch mit einigem Kraftaufwand, drehte ich ihn schließlich auf den Rücken, heraus aus der Felsmulde auf den flachen inzwischen warmen Stein. Sein Atem ging flach aber schwer, er schien wach, doch in einem Fieber gefangen zu sein. Sein Geist war weit fort. Aus der Nase und dem Munde heraus waren schmale Blutrinnsale gelaufen, die mich erschauern ließen. Sein Gesicht war leicht angeschwollen und die geschlossenen Augen quollen hervor. Ich hatte ihn nie gesehen, kannte sein Antlitz nicht, doch ich wusste, dass dies nicht seinem Aussehen entsprach. Ich nahm den Lederbeutel mit dem Algenwasser von meinem Gürtel und tröpfelte etwas von der Essenz über seine aufgesprungenen Lippen in den Mund hinein. Vorsichtig tupfte ich sein Gesicht ab, wo sich Schweiß, Staub und Blut miteinander vermischt hatten und zu einer klebrigen Kruste geworden waren. Doch es war nicht nur das, die Oberfläche seiner Haut erinnerte mich an den matten Glanz einer Tonschale, die frisch aus dem Brennfeuer kam. Ich war irritiert und konnte dies keiner meiner Erfahrungen zuordnen. Viele verletzte Menschen hatte ich gepflegt und geheilt. Wer töten kann, kann auch heilen. Wer Leben vernichten kann, kann es auch retten. Wer die Stellen des Körpers kennt, die nur durch eine einzige gezielte Bewegung zu brechen sind, kennt auch den Strom des Lebensatems und kann ihn anfachen. Wer vielfältige Wunden schlagen kann, der kann sie auch erkennen und lesen – und heilen. Diese Erfahrung durchzog mein ganzes Leben. Auf beiden Seiten war ich Meisterin geworden, doch hier und jetzt wusste ich nicht, was zu tun war.

Ich kannte seinen Namen nicht und wusste nicht, wie ich ihn ansprechen sollte. Ich sagte leise: „Drachenreiter! Hörst du mich?“ Seine Augen blieben geschlossen, doch sein Atemrhythmus veränderte sich leicht, wurde stoßartig, wenn er auch flach blieb. Er schien wahrzunehmen, dass er nicht mehr allein war. „Drachenreiter, hörst du mich?“ Ich horchte auf seinen Atem und blickte auf seine Augenlider, die ganz leicht zuckten. „Drachenreiter, was ist mit dir geschehen?“

Sein Körper war groß und kräftig, muskulös und sehnig. Sein Gesicht hatte edle Züge. Die hoch stehenden Wangenknochen und die mandelförmige Augenform mit den leicht schräg verlaufenden Brauen verrieten Autorität, Klarheit und Würde, aber auch eine ausgeprägte Feinheit. Der Mund war eher breit als schmal und die Konturen seiner Lippen verrieten Stolz und Leidenschaft. Sie standen in einem eigenartigen Gegensatz zu den Augen. Diese gehörten einem König und Dichter, und der Mund gehörte einem leidenschaftlichen Krieger. Hier mischten sich Welten in einem Wesen, die ich bisher nur in ihrer Polarität kannte. Er musste stark sein, ohne Grobheit zu kennen. Seine Entschlossenheit schien keine Härte zu kennen, unermüdlicher Kampfgeist ohne Verbissenheit strahlte selbst jetzt aus seinem Antlitz hervor. Selbst in diesem Zustand der Demütigung und Ohnmacht umwehte ihn eine Aura der Gelassenheit und Leidenschaft, die mir einen Schauer durch den Körper jagte.

Wer war er? Plötzlich kam ich zu mir und spürte den glühenden Blick seines Drachens. Alle Tugenden des leidenschaftlichen Kriegers, die ich kannte, drängende Ungeduld, bohrendes Verlangen nach Aktion und bedingungslose Entschlossenheit, die seinem Reiter fern zu liegen schienen, pulsierten im Drachen. Sein Blick hätte mir Brandwunden versetzt, wäre nicht Ghovanys kühlender, salziger Atem zwischen uns gewesen.

So begann ich, seinen Leib mit den wenigen Stoffen, die ich bei mir hatte, die ich mir zum Teil selbst vom Leibe riss, zu waschen und zu wärmen. Sein Drache verfolgte jede meiner Bewegungen und einige Male schnaubte er drohend auf. Ghovany blieb ruhig und zischelte leise, um auch ihn zu beruhigen. So sehr ich auf den Mann konzentriert und ausgerichtet war, so sehr fixierte und besänftigte sie den Drachen. So sehr sein glühender Blick auf mich geheftet war und jede einzelne meiner Bewegungen in sein ganzes Wesen übergingen, sofort bereit, dazwischen zu schlagen, ebenso sehr war das ganze Wesen Ghovanys auf ihn gerichtet. Auch sie nahm jede Regung in ihm und jede angespannte Faser seines Körpers wahr, bereit, sofort zu reagieren, wenn es nötig war.

Lange saß ich neben seinem Leib, den ich auf dem Rücken liegend wieder in die Felsmulde gebettet hatte. Intuitiv hatte ich meine Hand auf seine Milz gelegt und lange Zeit strömte Kraft aus meinem Körper und füllte seinen auf. Doch wach wurde er nicht.


Weinende Heilerin und schlafender Lehrer

 
Sieben wolkenlose Tage und Nächte saß ich mit seinem reglosen Leib auf dem Felsvorsprung. Die Sterne zogen in der Nacht ihre Bahnen über den Himmel und strahlten eine unerklärliche Warmherzigkeit und Güte aus, die nicht unsere Körper, wohl aber unsere Seelen wärmte. Die Sonne richtete tagsüber ihre ungefilterten Strahlen auf uns, doch auch in ihnen lag eine überraschend milde Kühle, die ich nicht kannte. Und wenn sie in den Mittagsstunden hitzig und weiß vom Zenit herunter brannte, hob einer der Drachen seinen Flügel über uns und gewährte uns den Schatten und das wenige an Abkühlung, das uns überleben ließ. Unsere Körper trockneten mehr und mehr aus, doch tief in mir nahm ich auch ein anschwellendes Fließen wahr. Sieben Tage und sieben Nächte saß ich am Rand der Felsenmulde. Fünf Tage und Nächte lang lag sein Kopf auf meinem Schoß und meine Hände hielten ihn geborgen. Es war in der Tat der heikelste Augenblick gewesen, dafür das Einverständnis des blauen Drachens zu erlangen. Doch es war nicht meine Entscheidung gewesen, seinen Kopf in meinen Schoß zu betten, sondern sein Wunsch, den er mir - und nach einigem inneren Ringen auch seinem Drachen gesandt hatte.

Vieles ist geschehen in diesen sieben Tagen und Nächten, das erzählenswert ist, da die Welt in dieser Zeit ihr Antlitz veränderte und der Puls der Herzen einen neuen Rhythmus annahm. Die Zeit, dies zu erzählen wird kommen. Und es werden die Menschen und Kreaturen selbst sein, die es erzählen.

Sieben Tage und sieben Nächte habe ich geweint. Jenes aufsteigende Etwas, das sich seit vielen Jahren in mir regte und sich niemals hatte ersticken und unterjochen lassen, jene Kraft in mir, die sich weder im Zenit noch im Nadir der Raumzeit den Krieg erklären ließ, hatte sich nun aus tiefen Kammern befreit, aus ihren Fesseln gelöst und sich verselbständigt. Je schwächer mein Körper und Wille wurden, desto mehr schien sie an Absicht und Herrschaft über mich zu gewinnen. Nun stieg sie unaufhaltsam empor, mit einer großen Macht, die mir fremd und bedrohlich erschien und doch fühlte es sich an, als ob ich sie schon seit Jahrtausenden kenne - als sei ich es selbst.

Reglos lag er in meinen Armen. Ich sprach zu ihm, horchte nach ihm und sang ihm die Lieder meines Volkes vor, sanfte Lieder für kranke Kinder und die Schlaflieder des Abends zuerst und schließlich die Lieder für die Verstorbenen und heimkehrenden Seelen unseres Volkes. Endlos viele Tränen begleiteten meinen Gesang und so sehr sich die Klänge in den ersten Tagen der Kehle im würgenden Atem entrangen, so frei und klar wurde die Stimme mit der Zeit. War es meine Stimme? Und ebenso gingen die Lieder mit der Zeit unmerklich in die alten Liebeslieder über, die wir schon lange nicht mehr gesungen hatten. Ein altes, in die Tiefen meiner Verliese verbanntes Gefühl stieg auf, das sich bei diesen Liedern immer in mir geregt hatte.

Wann immer wir sie gesungen hatten, war eine unsägliche Leere mitgeschwungen, die uns daran erinnerte, dass wir nicht wussten, für wen wir diese Lieder sangen. Männer kannten wir nicht, die Drachen kannten andere Gesänge und für unsere Mütter, Schwestern und Töchter waren diese Lieder nicht geschrieben. Wir hatten eine Macht in unserer Tradition gepflegt, deren Sinn uns entglitten und deren atmendes Leben gestorben war - deren leere dämonische Fratze über uns lachte, während wir sangen. Also hörten wir auf, sie zu singen, und verloren diese Macht selbst.

War sie es, die sich nun in mir erhob und zurückkehrte? Plötzlich fühlte ich in den Liedern für die Kinder, für den Schlaf und den Tod jene Macht, die auch die alten Liebeslieder in sich trugen. Plötzlich fühlte ich die Liebe dieser Lieder selbst, als seien sie Wesen, die mit mir sprachen und mir von ihrer unerschöpflichen Liebe zu unserem Leben und unserem Tod erzählten, von ihrer nie endenden Achtung für unsere Arroganz und Leidenschaft, von ihrem unermesslichen Mitgefühl für unsere Selbstverdammnis und Sehnsucht - zu unserem Lebenskampf und unseren Todesqualen. Es war, als zeigten mir diese Wesen durch unsere Liebeslieder einen uralten Spiegel, in dem ich die größte Qual unseres Volkes erblicken konnte: die Einsamkeit der Meister. Ich konnte es fühlen und sehen und es erschütterte mich - doch begreifen konnte ich es nicht.

Urplötzlich erkannte ich in den Liedern, die den Mann in meinem Schoße erwecken und heilen sollten, wie krank und schlafend ich selber war - und mein ganzes Volk. Und ein unendlich tiefer, zweihundert Jahre festgehaltener Schmerz brach herauf und erschütterte mein ganzes Sein. Stille, aber unaufhaltsame Tränenströme schienen nicht mehr enden zu wollen. Stunden und Tage lange weinte ich - Nächte hindurch - um ihn und um mich, um mein Volk und um seines. Nun, da sich dieses Tor in mir geöffnet hatte, machten sich Heerscharen des Grauens auf den Weg. Ein endloser Leid- und Trauerzug unserer Stämme und Völker, und unseres ganzen Zeitalters, schien unaufhaltsam durch jenes Tor zu ziehen, das mein Herz geöffnet hatte.

So lag sein Körper von meinen Tränen überströmt, befeuchtet und gebadet in meinen Armen. Von Beginn an war es mir widersinnig, ja geradezu absurd erschienen, den Lauf der Tränen von seinem Körper fernzuhalten. Tief in mir öffnete sich die Gewissheit, dass dies das einzige ist, was ich für ihn tun konnte, und dass es am Ende genau dieses salzige Lebenswasser sein sollte, das seine inneren Wunden heilen und den Feuerüberschuss in seinem Körper löschen sollte.

Tagsüber schützten die Drachen uns mit ihren Leibern und Flügeln vor der Hitze und nachts vor dem Erfrieren. Natürlich hätte jeder von ihnen jagen gehen und uns frisches Fleisch bringen können, doch niemand kam auf diese Idee. Allein der Gedanke daran schien eher diesen Ort zu entweihen und diese Zeit zu vernichten als uns zu dienen. Ich wollte nichts essen und er konnte nicht. Auch er schien durch mangelnde Nahrung nicht schwach zu werden. Und schließlich wollte keiner der Drachen seinen Reiter mit dem anderen Drachen allein lassen, obwohl sich bei dem Blauen eine deutliche Entspannung zeigte.

Das Singen und Weinen hatte auch ihn in eine andere Sphäre seines Bewussteins gleiten lassen. Einmal schob er langsam seinen mächtigen Kopf vor und kam mit seinen Nüstern so nahe an meine tränennasse Wange, dass Ghovany schnaubte und nervös wurde. Doch wir wussten beide, dass mein Singen ihn sanftmütig und mein Handeln oder Nicht-Handeln ihn neugierig gemacht hatte. Es war schließlich das feuchte Salz meiner Tränen, das ihn magisch anzog. So etwas hatte auch er nie zuvor gesehen und gefühlt. Auch seinem Volke war diese Art der Tränen fremd geworden. Ganz leicht drehte ich mich zu ihm, ließ ihn schnüffeln und mit seiner Zungenspitze kosten. Diese Berührung war wie ein Blitzschlag. Er schnellte mit seinem Kopf zurück - und mich durchfuhr ein Stoß, als wären zwei Feuersteine aufeinander geschlagen. Etwas Bedeutsames war in dieser Berührung geschehen, etwas unergründlich tief Verborgenes war schlagartig aufgeblitzt und wieder verschwunden. Und in gleicher Wucht, die den blauen Drachen und mich als eine Welle der Entspannung durchfuhr, zog Ghovany sich zusammen und erstarrte. Alles dies geschah im Bruchteil eines Augenblicks.

So flossen viele Tränen und Lieder, die ich nun auch für mich und mein Volk sang. Ihre Klänge schwangen sich durch die unendliche Bergwelt, und obwohl kein Echo zu hören war, weil die schmalen hohen Gipfel zu weit auseinander lagen, hörte ich des Nachts oft den Widerhall der Klänge und sah sie im verschleierten inneren Blick wie viele bunte Fäden und schimmernde Bänder um die Felsmassive wehen und einen neuen farbigen Teppich weben, der sich über die Landschaften und die Welt legen sollte. Und in manchen Momenten schien es mir, als sähe ich Wesen, die ihre Hände aus den Felsen herausstreckten und nach den Fäden griffen, um sie mit ihren eigenen zu verknüpfen.

Und immer wieder sprach ich leise zu dem bewusstlosen Reiter und fragte ihn, wer er sei und woher er komme, was geschehen sei und was ich für ihn tun könne. Manches Mal geschah gar nichts und manchmal schien er mit Bildern zu antworten. Viele Bilder und Welten zogen in diesen sieben Tagen und Nächten durch mich. Zwischendurch glaubte ich immer wieder zu träumen, obwohl ich wach war. Ich hörte ihn sprechen, vernahm seine Stimme und wusste, dass es seine war. Doch wenn ich ihm meinen Blick zuwandte, lag er regungslos da. Und dennoch erzählte er mir auf eine unerklärliche Weise, was ihm in jener Zeit widerfahren war, als das Unwetter Ghovany und mich über der Wolkendecke gefangen hielt.

In dieser mir fremden Kunst der Erzählung und der Mitteilung war er, wie sich mir später noch oft zeigen sollte, Meister. Und in genau diesen Tagen unserer gemeinsamen Ohnmacht lehrte er mich, den Raum der schweigenden Worte zu betreten, zu sprechen, ohne den Mund zu öffnen, und Dinge zu sehen und zu hören, ohne die Augen zu öffnen und die Ohren zu spitzen - Dinge, die weit von diesem Ort und Augenblick entfernt lagen. So reiste ich, während ich weinte und sang, während die dunklen Horden und Stämme durch das Tor meines Herzens zogen, tief in die namenlosen Wurzeln der Vergangenheit und weit in die unzähligen Verzweigungen der Zukunft. So wurde ich seine weinende Heilerin und er mein schlafender Lehrer - und die Drachen spürten, dass bald große Veränderungen über das Land und die Meere kommen - und ebenso in die Tiefen des Gesteins und der Ozeane wie zu den Horizonten des Firmaments vordringen würden. 

„Ich flog mit meinem Drachen auf einer gewohnten Route und Flughöhe, als das Gewitter über uns hereinbrach. Wir befanden uns nur ein Weniges unterhalb der Wolkendecke, die sich in einer solchen Geschwindigkeit zusammengebraut hatte, dass dies nur das Werk der Götter sein konnte. Im Zeitraum nur zweier Atemzüge hatte sich der Himmel verfinstert und meinen Geist in seine dunklen Schleier gehüllt, bevor ich einen klaren Gedanken hätte fassen können. Und nur wenige Donnerschläge gingen dem Augenblick voraus, da ein machtvolles Wesen unter den Schicksalsgöttern einen Blitz nach mir aussandte - genau in jenem Moment, da ich mit meinem Drachen durch die Wolkendecke stoßen und in die Sicherheit der hohen Regionen aufsteigen wollte. Es war ein Lichtschlag, von dem ich glaubte, dass er mich töten sollte - und so möchte jedes lebendige Wesen auf Erden gefühlt und wahrgenommen haben. Doch dies war mein letzter Gedanke: Warum wollten die Götter mich töten? Warum sollte dieser Blitz mich töten? Mein Tod würde niemandem dienen, also konnte ich auch nicht sterben! In dieser Gewissheit ließ ich los und stürzte in eine erste tiefe Finsternis.

Die Hüter des Schicksals wussten, dass ich in der Lage war, den Blitz zu halten und das Sphärenfeuer so tief in meinen Körper aufzunehmen, dass der Flug des Drachen in einer Notlandung zwar, jedoch ohne Absturz und Tod enden konnte. Zwar liebt mein Drache das Feuer, da er selbst ein Feuerwesen ist, doch die Kraft dieses Blitzes hätte ihn im Fluge zerschlagen. Ich musste das Feuer aufnehmen und es halten, ich musste es in meinem Körper verschließen, damit es den Drachen nicht durchzucken konnte. Ich erwachte in einem Zustand meines Geistes, der selbst ein wild lodernder Brand, und so in vollkommener Resonanz mit dem Himmelsfeuer war. Ich hatte den Blitz in seiner ganzen Macht in meinem Körper aufgenommen und zur Gänze in den verborgenen Kammern meines geistigen Willens verschlossen. Ich selbst war zum Blitz geworden, der in diesem Augenblick seine Gestalt gewandelt und den innersten Raum meines Körpers betreten hatte.

Warum sollten die Götter mich töten? In der Antwort auf diese Frage lag die Sicherheit meines Lebens geborgen. So konnte ich in eine zweite Finsternis stürzen, aus dem Körper entweichen und von
außen auf ihn schauen. Ich sah mein sterbliches Selbst und den Kampf, den es mit den Gewalten focht. Es hatte dem Drachen das Leben gerettet, war dabei aber weit über die Grenzen seiner menschlichen Existenz hinausgegangen.

Der Körper war aus dem Sattel gerissen worden, da der Schlag ihn von vorne getroffen und weit über den Rücken des Drachens nach hinten geschleudert hatte. Er stürzte in die Tiefe. Der Drache geriet außer sich, Panik erfasste ihn. So übernahm sein geistiges Bewusstsein die Führung und lenkte seinen massigen Körper mit eng angelegten Schwingen
blitzartig in ein gewaltiges Flugmanöver, das er noch nie zuvor geleistet hatte.

In atemberaubender Eleganz und mit einem gewaltigen Schlag seines Schwanzes stürzte er seinen massigen Leib aus dem Flug kopfüber in einen senkrechten Sturz. Mit wenigen Schlägen seiner Schwingen beschleunigte er den passiven Fall in einen aktiven, pfeilartigen Schuss. So überholte er mit eng anliegenden Flügeln meinen fallenden Körper - und wie in einer einzigen Bewegung ging er mit einem weiteren peitschenden Hieb seines Schwanzes aus dem senkrechten Sturz in die Rückenlage, fing meinen Körper in seinen Klauen auf und brachte seinen eigenen massigen Leib - mit aufgespreiztem  rechtem Flügel und einem spiralförmigen Schlag des  Schwanzes -  über eine Seitwärtsrolle in die gewohnte Flugposition zurück. 

Doch in dem Augenblick, da er meinen Körper in seinen Krallen trug, wusste er, dass ihm nur Bruchteile von Sekunden blieben, ihn wieder loszulassen, bevor sich die gewaltige Macht an gespeicherter Elektrizität auf ihn übertragen konnte.
Doch das Land lag zwei Höhenmeilen unter uns - weit und breit gab es keine andere Möglichkeit als diesen winzigen Felsvorsprung. Mit letzter Kraft kämpfte Ghwen dhur gegen die mächtigen Turbulenzen des Windes an der Felswand und schleuderte meinen Leib in diese Felsmulde, wo er liegen blieb. Er selbst konnte an dieser Stelle unmöglich landen, daher flog er taumelnd weiter in die tieferen Regionen des Landes, um Schutz zu suchen, Kraft zu sammeln und bei der nächsten Gelegenheit zu mir zurückzukehren. Doch diese Gelegenheit sollte auf sich warten lassen. Denn die Götter hatten andere Pläne.

In dem Augenblick, da mein Körper den Boden berührte, kehrte mein Geist in ihn zurück und stürzte mein menschliches Bewusstsein in eine weitere und tiefere Finsternis, die gleichzeitig
jedoch gleißendes Licht war. Es sollte ein Akt der verschmolzenen Willenskraft meines Geistes und Körpers sein, nun dafür zu sorgen, dass die Elektrizität die Tiefen der atmenden Systeme verlassen konnte. Das Hinüberfließen des Feuers in den Stein musste sanft und langsam geschehen, damit das Maß der Zerstörung für Körper und Felsen möglichst gering blieb. Denn die Natur des Feuers ist nicht sanft und langsam, sondern blitzartig und zerstörerisch. Und hätte es selbst diesen Augenblick beherrscht, so wäre mein Leib, wenn schon nicht beim Einschlag, dann spätestens bei der Ausleitung gestorben. So fiel meinem Körper die Rolle zu, das Entlassen dieser tödlichen Macht mit aller Kraft abzubremsen und die sich dabei entfesselnden Gewalten zusammenzupressen,  festzuhalten und weiterhin in sich zu verschließen, während der Geist das Feuer langsam entweichen ließ. Jeder der beiden hielt mit aller Kraft sein Ende des zum Zerreißen gespannten Seils, um es nicht zerreißen zu lassen.

Dabei sind alle Pflanzen, die in den Ritzen dieser Felsen gewachsen waren, verbrannt und ich spürte eine übermächtige Welle des Mitgefühls für diese Wesen im Herzen meines Geistes aufsteigen.


Doch es gelang nur zum Teil. Diese Anstrengung war das letzte, wofür ich mein längst ohnmächtiges Menschsein noch einmal erwecken konnte. Dann stürzte ich in eine tiefe Dunkelheit, aus der ich mich selbst nicht mehr befreien sollte. Viel Feuer war in meinem Leib zurückgeblieben, und die Götter ließen mich wissen, dass sie ein zweites Wesen in ihre Gewalt genommen hatten und es zu mir führen würden, wenn die Zeit dafür reif sein würde.

Sieben Tage und sieben Nächte lag mein Körper in dieser Felsenmulde, während die donnernden Heerscharen des Himmels ihre feurigen Speere nach mir warfen, jedoch ohne mich treffen zu wollen. Die erdrückende Schwere der grauschwarzen Wolkendecke presste mein Leben zu Boden und schien jegliche Reste von Atem aus ihm herauspressen zu wollen. Es war die geheimnisvolle und doch offenbare Handschrift des Schicksals, die befohlen hatte, den Götterzorn inmitten der berstenden Finsternis auf mich niederprasseln zu lassen. Zuweilen peitschte Regen in die Bergwelt, doch kein Tropfen fiel auf meinen Körper. Sturm, Donner und Blitz umtosten ihn, doch kein Schlag traf ihn. So war mein Leben den Gewalten wehr- und schutzlos ausgeliefert und doch auf eine unbegreifliche Weise geborgen. Und langsam sickerte die kalte Finsternis der Felsen auf und vereinigte sich
in meinem leblosen Körper mit dem Feuer des Himmels.

Und mein Drache, der niemals zuvor von meiner Seite gewichen war, blieb sieben Tage lang verschwunden. Doch ich war stark. Das Feuer des Himmels entsprach dem Feuer meines Geistes. Sie sind Brüder. Und die Kälte der Erde fand sich in der unerschütterlichen Emotionslosigkeit meines Geistes wieder, die mich zum Anführer des Blauen Clans gemacht hatte. Denn sie sind Schwestern."



Nach diesen Bildern in der Dunkelheit und Worten in der Stille brach der Strom der Mitteilungen ab. Ich war eingeschlafen und schreckte plötzlich auf. Ich horchte und lauschte. Nichts war mehr zu hören, nichts zu sehen oder zu empfinden. Hatte ich mir alles nur eingebildet? Hatte ich geträumt? War all das nur die verzerrte Maske meiner Sehnsucht und Verzweiflung gewesen? Immer noch lag der Mann bewusstlos am Boden, immer noch lag sein Kopf in meinem Schoß. Schon vor Tagen hatten meine Finger begonnen, seine Wangen zu streicheln, den Konturen seiner Augen und Schläfen zu folgen, die Wangen und das Kinn zu halten. Keine Regung und kein Zucken in seinem Antlitz verrieten den leisesten Anschein von Leben. Doch war da der flache Atem, Einatemzüge und Ausatemströme in quälender Langsamkeit - und doch waren sie da.

Das Feuer des Geistes hatte in seinem Volke offenbar ebenso dominiert wie in meinem, und gleiche Charakterzüge in ihnen hervorgebracht, wie ich sie von den Unseren her kannte: Auch ihnen schien ein herrisches, bedingungs- und gnadenloses Element innezuwohnen, ein arrogantes, gebieterisches und Leben verachtendes Wesen - das doch im innersten Kern selbst Hüter des Lebens war: Priester, Lehrer und Führer des Volkes zum Licht, auf jenen Wegen, die durch die Dunkelheit führen.

Seine Geschichte nahm in mir Raum und zirkulierte, dehnte sich aus in den Weiten meiner inneren Welten. Eine Gewissheit erwachte in mir, dass jede Sekunde unserer zwei mal sieben Tage und Nächte in der Führung höherer Mächte lag, und diese beschlossen hatten, unser Leben in ihre Hände zu nehmen und unserem alten Dasein ein Ende zu bereiten. Keine Regung unseres Willens hatte Bedeutung gehabt, kein Mitgefühl hatte geherrscht, sondern kalte Berechnung von Mittel, Ablauf und Zweck. Doch bei diesem Gedanken, der eigentlich verbittert sein sollte, musste ich mir eingestehen, dass auch wir in unserem Clan in dramatischen Zeiten nie anders gehandelt hatten als in dieser Weise. Bei dieser Entdeckung stieg ein tiefes Gefühl von Gerechtigkeit auf, ein inneres Wissen um die Resonanz, die zwischen mir und den Gewalten des Himmels herrschte - und damit auch die erste Ahnung einer gewaltigen Genugtuung, die allerdings auch eine ungeheure Anmaßung sein konnte. Die Zeit war gekommen. Wofür, das wusste ich noch nicht.


vorläufiges Ende



Für cheng do
erzählt von ghovany und zhongwen

2. Juli 2007 / 9. März 2009

Korrekturen:
Margit Frey, kiwaenea, Carolin,
Solange Dhungi und Johannes Halsmayer


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