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Sieben wolkenlose Tage und Nächte saß ich mit seinem reglosen Leib auf dem Felsvorsprung. Die Sterne zogen in der Nacht ihre Bahnen über den Himmel und strahlten eine unerklärliche Warmherzigkeit und Güte aus, die nicht unsere Körper, wohl aber unsere Seelen wärmte. Die Sonne richtete tagsüber ihre ungefilterten Strahlen auf uns, doch auch in ihnen lag eine überraschend milde Kühle, die ich nicht kannte. Und wenn sie in den Mittagsstunden hitzig und weiß vom Zenit herunter brannte, hob einer der Drachen seinen Flügel über uns und gewährte uns den Schatten und das wenige an Abkühlung, das uns überleben ließ. Unsere Körper trockneten mehr und mehr aus, doch tief in mir nahm ich auch ein anschwellendes Fließen wahr. Sieben Tage und sieben Nächte saß ich am Rand der Felsenmulde. Fünf Tage und Nächte lang lag sein Kopf auf meinem Schoß und meine Hände hielten ihn geborgen. Es war in der Tat der heikelste Augenblick gewesen, dafür das Einverständnis des blauen Drachens zu erlangen. Doch es war nicht meine Entscheidung gewesen, seinen Kopf in meinen Schoß zu betten, sondern sein Wunsch, den er mir - und nach einigem inneren Ringen auch seinem Drachen gesandt hatte.
Vieles ist geschehen in diesen sieben Tagen und Nächten, das erzählenswert ist, da die Welt in dieser Zeit ihr Antlitz veränderte und der Puls der Herzen einen neuen Rhythmus annahm. Die Zeit, dies zu erzählen wird kommen. Und es werden die Menschen und Kreaturen selbst sein, die es erzählen.
Sieben Tage und sieben Nächte habe ich geweint. Jenes aufsteigende Etwas, das sich seit vielen Jahren in mir regte und sich niemals hatte ersticken und unterjochen lassen, jene Kraft in mir, die sich weder im Zenit noch im Nadir der Raumzeit den Krieg erklären ließ, hatte sich nun aus tiefen Kammern befreit, aus ihren Fesseln gelöst und sich verselbständigt. Je schwächer mein Körper und Wille wurden, desto mehr schien sie an Absicht und Herrschaft über mich zu gewinnen. Nun stieg sie unaufhaltsam empor, mit einer großen Macht, die mir fremd und bedrohlich erschien und doch fühlte es sich an, als ob ich sie schon seit Jahrtausenden kenne - als sei ich es selbst.
Reglos lag er in meinen Armen. Ich sprach zu ihm, horchte nach ihm und sang ihm die Lieder meines Volkes vor, sanfte Lieder für kranke Kinder und die Schlaflieder des Abends zuerst und schließlich die Lieder für die Verstorbenen und heimkehrenden Seelen unseres Volkes. Endlos viele Tränen begleiteten meinen Gesang und so sehr sich die Klänge in den ersten Tagen der Kehle im würgenden Atem entrangen, so frei und klar wurde die Stimme mit der Zeit. War es meine Stimme? Und ebenso gingen die Lieder mit der Zeit unmerklich in die alten Liebeslieder über, die wir schon lange nicht mehr gesungen hatten. Ein altes, in die Tiefen meiner Verliese verbanntes Gefühl stieg auf, das sich bei diesen Liedern immer in mir geregt hatte.
Wann immer wir sie gesungen hatten, war eine unsägliche Leere mitgeschwungen, die uns daran erinnerte, dass wir nicht wussten, für wen wir diese Lieder sangen. Männer kannten wir nicht, die Drachen kannten andere Gesänge und für unsere Mütter, Schwestern und Töchter waren diese Lieder nicht geschrieben. Wir hatten eine Macht in unserer Tradition gepflegt, deren Sinn uns entglitten und deren atmendes Leben gestorben war - deren leere dämonische Fratze über uns lachte, während wir sangen. Also hörten wir auf, sie zu singen, und verloren diese Macht selbst.
War sie es, die sich nun in mir erhob und zurückkehrte? Plötzlich fühlte ich in den Liedern für die Kinder, für den Schlaf und den Tod jene Macht, die auch die alten Liebeslieder in sich trugen. Plötzlich fühlte ich die Liebe dieser Lieder selbst, als seien sie Wesen, die mit mir sprachen und mir von ihrer unerschöpflichen Liebe zu unserem Leben und unserem Tod erzählten, von ihrer nie endenden Achtung für unsere Arroganz und Leidenschaft, von ihrem unermesslichen Mitgefühl für unsere Selbstverdammnis und Sehnsucht - zu unserem Lebenskampf und unseren Todesqualen. Es war, als zeigten mir diese Wesen durch unsere Liebeslieder einen uralten Spiegel, in dem ich die größte Qual unseres Volkes erblicken konnte: die Einsamkeit der Meister. Ich konnte es fühlen und sehen und es erschütterte mich - doch begreifen konnte ich es nicht.
Urplötzlich erkannte ich in den Liedern, die den Mann in meinem Schoße erwecken und heilen sollten, wie krank und schlafend ich selber war - und mein ganzes Volk. Und ein unendlich tiefer, zweihundert Jahre festgehaltener Schmerz brach herauf und erschütterte mein ganzes Sein. Stille, aber unaufhaltsame Tränenströme schienen nicht mehr enden zu wollen. Stunden und Tage lange weinte ich - Nächte hindurch - um ihn und um mich, um mein Volk und um seines. Nun, da sich dieses Tor in mir geöffnet hatte, machten sich Heerscharen des Grauens auf den Weg. Ein endloser Leid- und Trauerzug unserer Stämme und Völker, und unseres ganzen Zeitalters, schien unaufhaltsam durch jenes Tor zu ziehen, das mein Herz geöffnet hatte.
So lag sein Körper von meinen Tränen überströmt, befeuchtet und gebadet in meinen Armen. Von Beginn an war es mir widersinnig, ja geradezu absurd erschienen, den Lauf der Tränen von seinem Körper fernzuhalten. Tief in mir öffnete sich die Gewissheit, dass dies das einzige ist, was ich für ihn tun konnte, und dass es am Ende genau dieses salzige Lebenswasser sein sollte, das seine inneren Wunden heilen und den Feuerüberschuss in seinem Körper löschen sollte.
Tagsüber schützten die Drachen uns mit ihren Leibern und Flügeln vor der Hitze und nachts vor dem Erfrieren. Natürlich hätte jeder von ihnen jagen gehen und uns frisches Fleisch bringen können, doch niemand kam auf diese Idee. Allein der Gedanke daran schien eher diesen Ort zu entweihen und diese Zeit zu vernichten als uns zu dienen. Ich wollte nichts essen und er konnte nicht. Auch er schien durch mangelnde Nahrung nicht schwach zu werden. Und schließlich wollte keiner der Drachen seinen Reiter mit dem anderen Drachen allein lassen, obwohl sich bei dem Blauen eine deutliche Entspannung zeigte.
Das Singen und Weinen hatte auch ihn in eine andere Sphäre seines Bewussteins gleiten lassen. Einmal schob er langsam seinen mächtigen Kopf vor und kam mit seinen Nüstern so nahe an meine tränennasse Wange, dass Ghovany schnaubte und nervös wurde. Doch wir wussten beide, dass mein Singen ihn sanftmütig und mein Handeln oder Nicht-Handeln ihn neugierig gemacht hatte. Es war schließlich das feuchte Salz meiner Tränen, das ihn magisch anzog. So etwas hatte auch er nie zuvor gesehen und gefühlt. Auch seinem Volke war diese Art der Tränen fremd geworden. Ganz leicht drehte ich mich zu ihm, ließ ihn schnüffeln und mit seiner Zungenspitze kosten. Diese Berührung war wie ein Blitzschlag. Er schnellte mit seinem Kopf zurück - und mich durchfuhr ein Stoß, als wären zwei Feuersteine aufeinander geschlagen. Etwas Bedeutsames war in dieser Berührung geschehen, etwas unergründlich tief Verborgenes war schlagartig aufgeblitzt und wieder verschwunden. Und in gleicher Wucht, die den blauen Drachen und mich als eine Welle der Entspannung durchfuhr, zog Ghovany sich zusammen und erstarrte. Alles dies geschah im Bruchteil eines Augenblicks.
So flossen viele Tränen und Lieder, die ich nun auch für mich und mein Volk sang. Ihre Klänge schwangen sich durch die unendliche Bergwelt, und obwohl kein Echo zu hören war, weil die schmalen hohen Gipfel zu weit auseinander lagen, hörte ich des Nachts oft den Widerhall der Klänge und sah sie im verschleierten inneren Blick wie viele bunte Fäden und schimmernde Bänder um die Felsmassive wehen und einen neuen farbigen Teppich weben, der sich über die Landschaften und die Welt legen sollte. Und in manchen Momenten schien es mir, als sähe ich Wesen, die ihre Hände aus den Felsen herausstreckten und nach den Fäden griffen, um sie mit ihren eigenen zu verknüpfen.
Und immer wieder sprach ich leise zu dem bewusstlosen Reiter und fragte ihn, wer er sei und woher er komme, was geschehen sei und was ich für ihn tun könne. Manches Mal geschah gar nichts und manchmal schien er mit Bildern zu antworten. Viele Bilder und Welten zogen in diesen sieben Tagen und Nächten durch mich. Zwischendurch glaubte ich immer wieder zu träumen, obwohl ich wach war. Ich hörte ihn sprechen, vernahm seine Stimme und wusste, dass es seine war. Doch wenn ich ihm meinen Blick zuwandte, lag er regungslos da. Und dennoch erzählte er mir auf eine unerklärliche Weise, was ihm in jener Zeit widerfahren war, als das Unwetter Ghovany und mich über der Wolkendecke gefangen hielt.
In dieser mir fremden Kunst der Erzählung und der Mitteilung war er, wie sich mir später noch oft zeigen sollte, Meister. Und in genau diesen Tagen unserer gemeinsamen Ohnmacht lehrte er mich, den Raum der schweigenden Worte zu betreten, zu sprechen, ohne den Mund zu öffnen, und Dinge zu sehen und zu hören, ohne die Augen zu öffnen und die Ohren zu spitzen - Dinge, die weit von diesem Ort und Augenblick entfernt lagen. So reiste ich, während ich weinte und sang, während die dunklen Horden und Stämme durch das Tor meines Herzens zogen, tief in die namenlosen Wurzeln der Vergangenheit und weit in die unzähligen Verzweigungen der Zukunft. So wurde ich seine weinende Heilerin und er mein schlafender Lehrer - und die Drachen spürten, dass bald große Veränderungen über das Land und die Meere kommen - und ebenso in die Tiefen des Gesteins und der Ozeane wie zu den Horizonten des Firmaments vordringen würden.
„Ich flog mit meinem Drachen auf einer gewohnten Route und Flughöhe, als das Gewitter über uns hereinbrach. Wir befanden uns nur ein Weniges unterhalb der Wolkendecke, die sich in einer solchen Geschwindigkeit zusammengebraut hatte, dass dies nur das Werk der Götter sein konnte. Im Zeitraum nur zweier Atemzüge hatte sich der Himmel verfinstert und meinen Geist in seine dunklen Schleier gehüllt, bevor ich einen klaren Gedanken hätte fassen können. Und nur wenige Donnerschläge gingen dem Augenblick voraus, da ein machtvolles Wesen unter den Schicksalsgöttern einen Blitz nach mir aussandte - genau in jenem Moment, da ich mit meinem Drachen durch die Wolkendecke stoßen und in die Sicherheit der hohen Regionen aufsteigen wollte. Es war ein Lichtschlag, von dem ich glaubte, dass er mich töten sollte - und so möchte jedes lebendige Wesen auf Erden gefühlt und wahrgenommen haben. Doch dies war mein letzter Gedanke: Warum wollten die Götter mich töten? Warum sollte dieser Blitz mich töten? Mein Tod würde niemandem dienen, also konnte ich auch nicht sterben! In dieser Gewissheit ließ ich los und stürzte in eine erste tiefe Finsternis.
Die Hüter des Schicksals wussten, dass ich in der Lage war, den Blitz zu halten und das Sphärenfeuer so tief in meinen Körper aufzunehmen, dass der Flug des Drachen in einer Notlandung zwar, jedoch ohne Absturz und Tod enden konnte. Zwar liebt mein Drache das Feuer, da er selbst ein Feuerwesen ist, doch die Kraft dieses Blitzes hätte ihn im Fluge zerschlagen. Ich musste das Feuer aufnehmen und es halten, ich musste es in meinem Körper verschließen, damit es den Drachen nicht durchzucken konnte. Ich erwachte in einem Zustand meines Geistes, der selbst ein wild lodernder Brand, und so in vollkommener Resonanz mit dem Himmelsfeuer war. Ich hatte den Blitz in seiner ganzen Macht in meinem Körper aufgenommen und zur Gänze in den verborgenen Kammern meines geistigen Willens verschlossen. Ich selbst war zum Blitz geworden, der in diesem Augenblick seine Gestalt gewandelt und den innersten Raum meines Körpers betreten hatte.
Warum sollten die Götter mich töten? In der Antwort auf diese Frage lag die Sicherheit meines Lebens geborgen. So konnte ich in eine zweite Finsternis stürzen, aus dem Körper entweichen und von außen auf ihn schauen. Ich sah mein sterbliches Selbst und den Kampf, den es mit den Gewalten focht. Es hatte dem Drachen das Leben gerettet, war dabei aber weit über die Grenzen seiner menschlichen Existenz hinausgegangen.
Der Körper war aus dem Sattel gerissen worden, da der Schlag ihn von vorne getroffen und weit über den Rücken des Drachens nach hinten geschleudert hatte. Er stürzte in die Tiefe. Der Drache geriet außer sich, Panik erfasste ihn. So übernahm sein geistiges Bewusstsein die Führung und lenkte seinen massigen Körper mit eng angelegten Schwingen blitzartig in ein gewaltiges Flugmanöver, das er noch nie zuvor geleistet hatte.
In atemberaubender Eleganz und mit einem gewaltigen Schlag seines Schwanzes stürzte er seinen massigen Leib aus dem Flug kopfüber in einen senkrechten Sturz. Mit wenigen Schlägen seiner Schwingen beschleunigte er den passiven Fall in einen aktiven, pfeilartigen Schuss. So überholte er mit eng anliegenden Flügeln meinen fallenden Körper - und wie in einer einzigen Bewegung ging er mit einem weiteren peitschenden Hieb seines Schwanzes aus dem senkrechten Sturz in die Rückenlage, fing meinen Körper in seinen Klauen auf und brachte seinen eigenen massigen Leib - mit aufgespreiztem rechtem Flügel und einem spiralförmigen Schlag des Schwanzes - über eine Seitwärtsrolle in die gewohnte Flugposition zurück.
Doch in dem Augenblick, da er meinen Körper in seinen Krallen trug, wusste er, dass ihm nur Bruchteile von Sekunden blieben, ihn wieder loszulassen, bevor sich die gewaltige Macht an gespeicherter Elektrizität auf ihn übertragen konnte. Doch das Land lag zwei Höhenmeilen unter uns - weit und breit gab es keine andere Möglichkeit als diesen winzigen Felsvorsprung. Mit letzter Kraft kämpfte Ghwen dhur gegen die mächtigen Turbulenzen des Windes an der Felswand und schleuderte meinen Leib in diese Felsmulde, wo er liegen blieb. Er selbst konnte an dieser Stelle unmöglich landen, daher flog er taumelnd weiter in die tieferen Regionen des Landes, um Schutz zu suchen, Kraft zu sammeln und bei der nächsten Gelegenheit zu mir zurückzukehren. Doch diese Gelegenheit sollte auf sich warten lassen. Denn die Götter hatten andere Pläne.
In dem Augenblick, da mein Körper den Boden berührte, kehrte mein Geist in ihn zurück und stürzte mein menschliches Bewusstsein in eine weitere und tiefere Finsternis, die gleichzeitig jedoch gleißendes Licht war. Es sollte ein Akt der verschmolzenen Willenskraft meines Geistes und Körpers sein, nun dafür zu sorgen, dass die Elektrizität die Tiefen der atmenden Systeme verlassen konnte. Das Hinüberfließen des Feuers in den Stein musste sanft und langsam geschehen, damit das Maß der Zerstörung für Körper und Felsen möglichst gering blieb. Denn die Natur des Feuers ist nicht sanft und langsam, sondern blitzartig und zerstörerisch. Und hätte es selbst diesen Augenblick beherrscht, so wäre mein Leib, wenn schon nicht beim Einschlag, dann spätestens bei der Ausleitung gestorben. So fiel meinem Körper die Rolle zu, das Entlassen dieser tödlichen Macht mit aller Kraft abzubremsen und die sich dabei entfesselnden Gewalten zusammenzupressen, festzuhalten und weiterhin in sich zu verschließen, während der Geist das Feuer langsam entweichen ließ. Jeder der beiden hielt mit aller Kraft sein Ende des zum Zerreißen gespannten Seils, um es nicht zerreißen zu lassen.
Dabei sind alle Pflanzen, die in den Ritzen dieser Felsen gewachsen waren, verbrannt und ich spürte eine übermächtige Welle des Mitgefühls für diese Wesen im Herzen meines Geistes aufsteigen.
Doch es gelang nur zum Teil. Diese Anstrengung war das letzte, wofür ich mein längst ohnmächtiges Menschsein noch einmal erwecken konnte. Dann stürzte ich in eine tiefe Dunkelheit, aus der ich mich selbst nicht mehr befreien sollte. Viel Feuer war in meinem Leib zurückgeblieben, und die Götter ließen mich wissen, dass sie ein zweites Wesen in ihre Gewalt genommen hatten und es zu mir führen würden, wenn die Zeit dafür reif sein würde.
Sieben Tage und sieben Nächte lag mein Körper in dieser Felsenmulde, während die donnernden Heerscharen des Himmels ihre feurigen Speere nach mir warfen, jedoch ohne mich treffen zu wollen. Die erdrückende Schwere der grauschwarzen Wolkendecke presste mein Leben zu Boden und schien jegliche Reste von Atem aus ihm herauspressen zu wollen. Es war die geheimnisvolle und doch offenbare Handschrift des Schicksals, die befohlen hatte, den Götterzorn inmitten der berstenden Finsternis auf mich niederprasseln zu lassen. Zuweilen peitschte Regen in die Bergwelt, doch kein Tropfen fiel auf meinen Körper. Sturm, Donner und Blitz umtosten ihn, doch kein Schlag traf ihn. So war mein Leben den Gewalten wehr- und schutzlos ausgeliefert und doch auf eine unbegreifliche Weise geborgen. Und langsam sickerte die kalte Finsternis der Felsen auf und vereinigte sich in meinem leblosen Körper mit dem Feuer des Himmels.
Und mein Drache, der niemals zuvor von meiner Seite gewichen war, blieb sieben Tage lang verschwunden. Doch ich war stark. Das Feuer des Himmels entsprach dem Feuer meines Geistes. Sie sind Brüder. Und die Kälte der Erde fand sich in der unerschütterlichen Emotionslosigkeit meines Geistes wieder, die mich zum Anführer des Blauen Clans gemacht hatte. Denn sie sind Schwestern."
Nach diesen Bildern in der Dunkelheit und Worten in der Stille brach der Strom der Mitteilungen ab. Ich war eingeschlafen und schreckte plötzlich auf. Ich horchte und lauschte. Nichts war mehr zu hören, nichts zu sehen oder zu empfinden. Hatte ich mir alles nur eingebildet? Hatte ich geträumt? War all das nur die verzerrte Maske meiner Sehnsucht und Verzweiflung gewesen? Immer noch lag der Mann bewusstlos am Boden, immer noch lag sein Kopf in meinem Schoß. Schon vor Tagen hatten meine Finger begonnen, seine Wangen zu streicheln, den Konturen seiner Augen und Schläfen zu folgen, die Wangen und das Kinn zu halten. Keine Regung und kein Zucken in seinem Antlitz verrieten den leisesten Anschein von Leben. Doch war da der flache Atem, Einatemzüge und Ausatemströme in quälender Langsamkeit - und doch waren sie da.
Das Feuer des Geistes hatte in seinem Volke offenbar ebenso dominiert wie in meinem, und gleiche Charakterzüge in ihnen hervorgebracht, wie ich sie von den Unseren her kannte: Auch ihnen schien ein herrisches, bedingungs- und gnadenloses Element innezuwohnen, ein arrogantes, gebieterisches und Leben verachtendes Wesen - das doch im innersten Kern selbst Hüter des Lebens war: Priester, Lehrer und Führer des Volkes zum Licht, auf jenen Wegen, die durch die Dunkelheit führen.
Seine Geschichte nahm in mir Raum und zirkulierte, dehnte sich aus in den Weiten meiner inneren Welten. Eine Gewissheit erwachte in mir, dass jede Sekunde unserer zwei mal sieben Tage und Nächte in der Führung höherer Mächte lag, und diese beschlossen hatten, unser Leben in ihre Hände zu nehmen und unserem alten Dasein ein Ende zu bereiten. Keine Regung unseres Willens hatte Bedeutung gehabt, kein Mitgefühl hatte geherrscht, sondern kalte Berechnung von Mittel, Ablauf und Zweck. Doch bei diesem Gedanken, der eigentlich verbittert sein sollte, musste ich mir eingestehen, dass auch wir in unserem Clan in dramatischen Zeiten nie anders gehandelt hatten als in dieser Weise. Bei dieser Entdeckung stieg ein tiefes Gefühl von Gerechtigkeit auf, ein inneres Wissen um die Resonanz, die zwischen mir und den Gewalten des Himmels herrschte - und damit auch die erste Ahnung einer gewaltigen Genugtuung, die allerdings auch eine ungeheure Anmaßung sein konnte. Die Zeit war gekommen. Wofür, das wusste ich noch nicht.